Schlagwort-Archive: rhüden an der nette

Rhüden

VORWORT
Danke an Rhüden und seine Menschen, dass man meine Familie und mich Anfang 1944 so problemlos aufgenommen hat. Auf dem Weg in dieses bis dahin friedliche Rhüden waren es die Orte Ewersbach und Jena, die uns Evakuierten vorübergehend Schutz vor den so schrecklichen Bombennächten Frankfurts gewährten.

Rhüden war für uns der rettende Anker: der Anker, der mir persönlich wieder ruhige Nächte, Halt und schließlich neue Freunde schenkte. Die Felder, Wälder und Bäche der nahen Umgebung waren es, die sich im Laufe des Lebens erkennbar für das Erwachen meiner großen Liebe zur Natur verantwortlich zeichneten. Wann auch immer es in meinem späteren Leben möglich war, habe ich mich zu meinem früheren Schulfreund Rudi, alten Klassenkameraden und insbesondere zur Rhüdener Natur hingezogen gefühlt.

Anfang der Neunzigerjahre kam mir ad hoc die Idee, Rhüden und seine Umgebung wie auch einen Teil der mir noch bekannten Rhüdener Menschen in einem Film festzuhalten. Aus dieser Idee wurde schließlich der hier zu findende Dreiteiler eines „bildverliebten Laienfilmers“.
Hamburg, den 15. Januar 2026
Friedrich „Danny“ Hildebrand

Zeitungsartikel vom Seesener Beobachter vom 15. Februar 2015. Zu finden auch im Heimatmuseum Rhüden.

Siehe folgenden Dreiteiler.

video
play-sharp-fill

Rhüden / Harz – Das Dorf meiner Kindheit und Jugend – Teil 1/3, gedreht 1995/96, nachbearbeitet 2023.
Eine Dokumentation von Friedrich „Danny“ Hildebrand

video
play-sharp-fill

Rhüden / Harz – Das Dorf meiner Kindheit und Jugend – Teil 2/3, gedreht 1995/96, nachbearbeitet 2023.
Eine Dokumentation von Friedrich „Danny“ Hildebrand

video
play-sharp-fill

Rhüden / Harz – Das Dorf meiner Kindheit und Jugend – Teil 3/3, gedreht 1995/96, nachbearbeitet 2023.
Eine Dokumentation von Friedrich „Danny“ Hildebrand


Der Bomberabsturz bei Glashütte
Ein Bericht von August Lawes aus Mechtshausen über den Absturz aus dem dritten Teil meiner obigen Rhüden-Dokumentation

Wie ich an anderer Stelle schon erwähnte, flogen alliierte Bomberverbände insbesondere im Kriegsjahr 1944 verstärkt deutsche Städte an. Bei Tag und Nacht überflogen sie unser Gebiet in West – Ostrichtung und zurück, meistens wenn die Städte Berlin, Magdeburg oder Leipzig angegriffen wurden. Dieses Mal am späten Abend des 14. und 15. Januars 1944 war Braunschweig ihr Ziel. Der „Großdeutsche Rundfunk“ gab schon frühzeitig bekannt: „Feindliche Bomberverbände befinden sich im Anflug auf das deutsche Reich.“

Dann dauerte es meistens nicht mehr lange, bis wir das gewaltige Dröhnen der Motoren von einigen hundert anfliegenden Maschinen hören konnten. An diesem Abend, nachdem sie ihre todbringende Last schon abgeworfen hatten, sich also bereits auf dem Rückflug befanden, mischten sich in das monotone Dröhnen völlig andere Motorengeräusche. Und als gleich danach mehrere Feuerstöße von Bordkanonen zu hören und auch zu sehen waren, weil Leuchtspurmunition verschossen wurde, wussten wir, dass es sich wohl um einen Angriff eines deutschen Nachtjägers handelte.

Mein Onkel und ich hatten uns, um einen freien Blick zum fast sternenklaren Himmel zu haben, auf die Straße begeben. An zunächst kleineren Flammen konnte man sehen, dass ein Flieger getroffen war und allmählich zu stürzen begann. Die Flammen weiteten sich beim weiteren Stürzen so aus, dass sich ein gewaltiger Feuerschweif hinter der Maschine herzog. Dabei war auch ein Aufheulen der Motoren zu hören. Verlor sie anfangs wenig an Höhe, raste sie dann aber mit enormer Fallgeschwindigkeit der Erde entgegen und schlug, wie man am nächsten Tag erfuhr, ca. 150 Meter entfernt von Glashütte, wo sie das Oberteil des dortigen Fabrikschornsteins noch „abrasiert“ hatte, an einer Waldkannte auf und verbrannte.

Avro Lancaster – „Into the Darkness“ – Digital Art Piotr Forkasiewicz

Die in dem folgenden Archivbericht markierte Absturzstelle ist ungenau, dieses ist die exakte. The crash site marked in the following archive report is inaccurate, this is the exact one.

Was wäre wohl passiert, wenn die Maschine direkt auf Glashütte gestürzt wäre? Dieses Bild des Absturzes dieser gewaltigen Maschine, deren Umrisse man durch die Helligkeit des Feuers gut erkennen konnte, dazu das unheimliche Rauschen und der Widerhall des Aufschlages, ist mir auch heute noch gegenwärtig. Auch hatten wir seinerzeit große Angst, denn sie hätte auch auf unser Mechtshausen stürzen können! Es lagen ja nur wenige Kilometer dazwischen. Es ist auch noch zu erwähnen, dass über einen längeren Zeitraum heftiges Flakabwehrfeuer aus Richtung Braunschweig zu hören war, begleitet von den hellen Strahlen der riesigen Scheinwerfer.

Übrigens stand ich eine Woche nach Kriegsende mit meinem Verwandten mal staunend an einem solchen Scheinwerfer. Er stand von niederen Büschen umgeben an einem Waldrand bei Salzgitter und hatte einen Durchmesser von ca. 2,50 Meter.

In den nächsten Tagen wollte man natürlich mehr über den Absturz erfahren, und obwohl damals alles der Geheimhaltung unterlag, erfuhr man doch, dass mehrere Männer der Besatzung sich mittels ihrer Fallschirme hatten retten können. Nachdem nun die Absturzstelle abgeräumt war, konnten wir älteren Jungen diese nun endlich aufsuchen, um zu wissen ob es noch irgendetwas Gebrauchsfähiges zu finden gab und wurden auch fündig: eine größere Menge MG Munition, aber auch menschliche Körperteile buddelten wir dabei aus. So fand der Landwirt Südekum auf seinem Acker in der Nähe auch den Handschuh eines Besetzungsmitgliedes, in dem noch die Hand steckte. Folglich waren die übrigen vier, von der in der Regel mit acht Mann besetzten Maschine, wohl umgekommen. Wir aber hatten später „großen Spaß“ daran, die Munition auf verschiedentliche Art zur Explosion zu bringen.

Erst einige Zeit später erfuhr ich Näheres über die beiden bei Rhüden gelandeten Besatzungsmitglieder: dabei war einer in der Feldmark oberhalb Rhüdens in Richtung Panshausen runtergekommen. Er hatte den Rest der Nacht in Schellmans Feldscheune verbracht. Als dann am Morgen Käte Graßhoff aus Unterpanshausen mit Pferd und Wagen dort vorbeikam, hielt er sie an und bat sie, ihn zum Bürgermeister oder zur Polizei zu bringen.

Was für eine Begegnung, welche Gedanken hat man dabei: ein Soldat der Alliierten, ein Feind, steht plötzlich vor Käte Graßhoff und spricht sie an? Von dem anderen Abgesprungenen erfuhr man, dass er in voller Montur gegen Mitternacht in die Gaststätte Schwarz in Großrhüden, in der er ein schwaches Licht (damalige Verdunkelungspflicht) erkannte, eingetreten sei und sich dem Wirt sowie zwei noch anwesenden Gästen stellte. Die beiden Gäste, so erzählte man sich, waren festentschlossen den Soldaten sofort zu erschießen, was der Wirt jedoch verhindern konnte, indem er den damaligen Bürgermeister herbeiholte, der den Engländer schließlich der Wehrmacht übergab.

Obwohl ich bisher über diesen zweiten Mann nichts weiter in Erfahrung bringen konnte, ergab sich durch die Zeitzeugin Ilse Willer (92) aus Rhüden nach nunmehr 70 Jahren ein interessanter Beitrag:

Der heftige Absturz mit vermutlich explodierender Munition und Benzin, wie mir auch schon andere Rhüdener erzählten, hatte sogar die Erde ein wenig erbeben lassen, sodass viele der Einwohner aufgeschreckt vor ihren Häusern auf der Straße standen, um zu erfahren was geschehen sei. So auch Frau Willer. Sie war zusammen mit ihrer Nachbarin, Frau Laumann, bis vor die ehemalige katholische Schule gegangen, dort wo die Bruchstraße abzweigt. Auf dieser kam ihnen strammen Schrittes ein dickbekleideter Mann entgegen, der sie auf Deutsch mit englischem Akzent ansprach: „Hey, war es sehr böse?“ Als er dann aber merkte, dass die Frauen verängstigt waren, und das waren sie, marschierte er weiter über die Nette-Brücke bis zur erwähnten Gaststätte Schwarz. Gelandet war der Abgesprungene hinter den Häusern Rademacher usw. auf Willers Weide. Dort fand man den Fallschirm, dessen für Kleidung sehr begehrte Seide schnell ihre „Abnehmer“ fand.

Einem kürzlich im Seesener Beobachter (28.7. 2018) erschienenen interessanten Beitrag, in dem der Luftfahrt-Archäologe Dirk Hartmann über Flugzeugabstürze im letzten Krieg im hiesigen Gebiet um Gittelde und Badenhausen herum forscht und berichtet, konnte ich noch einiges, was den erwähnten Absturz anbetrifft, entnehmen und jetzt hinzufügen: Laut Abschussliste der Wehrmacht vom 19. Januar 1944 handelte es sich um eine Lancaster-Maschine mit einem Toten, die übrige siebenköpfige Besatzung ging nach und nach in der nahen Umgebung in Gefangenschaft. 38 Bomber davon wurden in der näheren – und weiteren Umgebung Braunschweigs zum Absturz gebracht. Die Schäden in der Stadt waren gering: nur zehn Häuser wurden zerstört. 14 Menschen fanden den Tod.

Das englische Militärarchiv berichtet dazu: „Der Angriff war kein Erfolg“, von den 498 gestarteten Bombern kehrten 38 nicht zurück. Elf deutsche Nachtjäger wurden abgeschossen.

Quelle Archivbericht: Alliierte Streitkräfte zu diesem Abschuss.
Hier die deutsche Übersetzung:

Aufgrund dieses Artikels aus dem „Seesener Beobachter“ vom 2. November 2023 entstand die Anfrage des Seesener Städtischen Museums mit der Bitte um diesen Dreiteiler.

www.museum-seesen.de      |      www.sehusafest.de

August Lawes, seines Zeichens Landwirt aus Mechtshausen und Schreiber des oben platzierten Berichts über den Bomberabsturz, ist auch der Autor dieses oben rechts abgebildeten Büchleins, in dem sich viele kleine Geschichten und Dönekens aus dem näheren Umkreis befinden. Dieses Büchlein ist im Städtischen Museum Seesen wie auch im Heimatmuseum Rhüden zu finden.


Zeitungsartikel des Seesener Beobachters vom 18. September 2025

 

Seesener Beobachter
Zeitungsartikel des Seesener Beobachters vom 7. Februar 2026 über die Filmvorführung „Rhüden, das Dorf meiner Kindheit“ im Haus der Vereine.

 

Seesener Beobachter
Zeitungsartikel des Seesener Beobachters vom 19. Februar 2026.

Vor 31 Jahren nicht ahnend, dass meine damals als Hobby-Filmer gedrehte Doku eines Tages in zwei verschiedenen Museen landen wird, konnte ich im Februar 2026 mit Freude und auch ein wenig Stolz eine unerwartete Ehrung entgegennehmen.

video
play-sharp-fill

Filmdokumentation „Rhüden, das Dorf meiner Kindheit“. Verkürzte, nur auf Personen bezogene Version des ursprünglichen Dreiteilers,  die im Verein der Natur- und Heimatfreunde Rhüden e.V. am 10. Februar 2026 ausgestrahlt wurde. Die oben platzierte dreiteilige Version des Rhüdenfilms enthält die in diesem Video fehlenden wunderschönen Landschaftsaufnahmen aus der Umgebung von Rhüden.

Seesener Beobachter vom 6. März 2026